Eigentlich ist Luca Nichetto ein Designer der alten Schule. Das scheint im Widerspruch zu stehen mit seinem Ruf als Rebell und Vertreter einer neuen Designergeneration Italiens, die sich von der Mailänder Szene zu emanzipieren sucht. Doch der Venezianer beruft sich bewusst auf Vorbilder wie Achille Castiglioni oder Vico Magistretti. Nicht auf ihren Stil – denn den hätten sie nicht gehabt, betont Nichetto beim Gespräch in seinem Studio, Stil hätte erst nach Memphis an Bedeutung gewonnen –, sondern auf ihr Selbstverständnis. „Meine Herangehensweise ist dieselbe: ich höre erst einmal zu, was der Kunde will … und dann versuche ich das Material zu verstehen. Die Form ist dann letztlich das Ergebnis dessen, was möglich ist.“
Die Handwerkstradition seines Heimatortes, der Glasbläserinsel Murano, prägt Nichettos Designverständnis bis heute. Wenn es um Details wie den Faltenwurf eines Bezugsstoffes für ein Polstermöbel geht, verlässt er sich nicht auf Computersimulationen, sondern vertraut dem Miniaturmodell, das ihm Francesco Dompieri, Designer und Partner im Studio von Nichetto, in höchster Kunstfertigkeit von Sessel, Stuhl oder Sofa anfertigt. So entstehen Möbel wie das Sofa La Mise (Cassina) mit einem Bezug aus einem Stück und einer überdimensionierten, dekorativen Zickzack-Naht an der Außensilhouette.
Luca Nichetto (*1976) ist dafür bekannt, eigene Wege zu gehen. Er besuchte die Kunstgewerbeschule in Venedig und finanzierte sein anschließendes Studium zum Teil mit Entwurfszeichnungen für die Glasmanufaktur Salviati. Auf diese Weise entstand 1999 sein erstes Erfolgsprodukt, die Murano Vase Mille Bolle. Nach seinem Diplom-Abschluss als Industriedesigner an der University Institute of Architecture of Venice (IUAV), seiner Tätigkeit bei Foscarini im Bereich Produktentwicklung und Materialrecherche und ersten Erfolgen als Designer blieb er in Venedig, gründete 2006 das Designbüro Nichetto & Partners im Hafen von Mestre/Venedig und eröffnete 2011 ein zweites Studio in Stockholm. Von hier kommen Entwürfe für Sofas, Stühle und Büromöbel, Leuchten und Teppiche bis hin zu Gläsern, Vasen und Küchenaccessoires. Er gilt als einer der gefragtesten Nachwuchsdesigner Italiens, der mit einer Vielzahl internationaler Markenunternehmen zusammenarbeitet, unter anderem mit Bosa, Casamania, Cassina, De Padova, Established & Sons, Foscarini, Fratelli Guzzini, Glass Idromassaggio, Globo, Italesse, Kristalia, La Chance, MG Lab, Moroso, Offecct, Tacchini, Venini oder Petite Friture. Seine Erfahrungen mit der in Schweden alltäglich gelebten Designkultur motivieren ihn nach eigenen Angaben immer wieder, die moderne, funktionale und demokratische Designphilosophie Skandinaviens mit der emotionalen, extravaganten und gleichermaßen auf Kunstfertigkeit wie Schnelligkeit ausgerichteten Tradition Italiens zu kombinieren.
Luca Nichetto zählt zu den produktivsten Designern überhaupt – seine Produkte begegnen einem auf allen Messen der Welt. Eines seiner Erfolgsrezepte ist der ständige Perspektiven-Wechsel: Er lässt die Dinge in neuem Licht erscheinen, indem er sie auf eine einfache, sinnliche Form reduziert und mit neuen Materialien realisiert. Gerne stattet er sie auch mit intelligenten Funktionen oder instinktiv nachvollziehbaren Geschichten aus. Nichetto bringt Materialien und Funktionen zusammen, die eine ungewohnte Ästhetik entwickeln: leuchtende Objekte aus Kofferbezugsstoff oder Kunststoffen aus der Automobilindustrie, Lüster aus Plastikperlen, Hocker aus Keramik oder Beton.
Die Perspektive wechselt Luca Nichetto auch mit seinem neuesten Projekt, der Installation „Das Haus – Interiors on Stage“ für die imm cologne 2013. Und das gleich in zweierlei Hinsicht. Zum einen kann er sich einem Thema widmen, das ihn seit seiner Orientierung nach Skandinavien immer stärker beschäftigt: Nachhaltigkeit im Design. Zum anderen überprüft er das Zusammenwirken seiner Schöpfungen in einer größeren Dimension – im Interior Design eines von ihm entworfenen Hauses. Allerdings teilt er dieses Haus mit einer Menge Pflanzen … und rund 100.000 Besuchern.
