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Pure Village

Köln, 14. bis 20. Januar 2013

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Die Einheit der Gegensätze

Portrait Doshi Levien:
Die Einheit der Gegensätze

Mit ihren zwischen exotischem Charme und puristischer Formgebung changierenden Möbeln bringen Nipa Doshi und Jonathan Levien nicht nur eine neue Optik in die Einrichtungswelt, sondern verleihen ihr auch Individualität. Ganz persönlich wird auch ihre Installation „Das Haus – Interiors on Stage“, das die beiden jungen Designer aktuell für die nächste imm cologne planen.

„Einige Stücke sind mehr Nipa, andere mehr ich“. Dieser Satz von Jonathan Levien bringt die Arbeit des jungen Designerpaares wohl am besten auf den Punkt. Fast noch ein Geheimtipp, machte das 2000 gegründete Büro in den letzten Jahren durch genauso originelle wie „tragbare“ Möbel, Töpfe und Schuhe auf sich aufmerksam: oftmals ungewohnt farbenfrohe „kulturelle Hybriden“ mit emotionalem Appeal, die die Designwelt erregen. Zu ihren Kunden zählen Moroso, Cappellini, Tefal, Richard Lampert, Glass und Authentics.

Der lässig-elegant gekleidete Brite – Typ moderner Gentleman – führt uns durch das Studio im ersten Stock eines alten Lagerhauses im Londoner Kreativ-Viertel Shoreditch, ein ehemaliges Maler-Atelier, wie die auf dem Boden belassenen Farbklekse verraten. Auch heute wird hier unverkennbar gearbeitet. Fünf Arbeitsplätze kämpfen hier um ihren Platz zwischen rohen Ziegelmauern, Mustertischen, Vitrinen und Regalen, die sorgfältig inszenierte Designobjekte beherbergen, vor allem aber alltägliche Fundstücke und Mitbringsel von den Reisen des Designerehepaares: Plastik-Eisbecher, Stoffmuster, kunstvoll drapierte Kleider, Schuhe, Faltobjekte, indische Lotas aus Messing, Verpackungen aus Hongkong… und überall Prototypen und Zeichnungen. Gegenstände, die inspirieren, und solche, die disziplinieren. Ein geordnetes Chaos, das seine eigene, für das Designstudio so charakteristische Ästhetik zwischen Vintage und Modernität, Globalisierung und kultureller Identität entfaltet. Und so scheint es tatsächlich mehr als ein Klischee zu sein, dass Doshi Levien „das Beste aus beiden Welten“ vereint, wie Tom Dixon, ein früher Förderer des britisch-indischen Designerpaares, einmal sagte.

Nipa Doshi, Jahrgang `71, geboren in Bombay (heute Mumbai) und aufgewachsen in Neu-Delhi, studierte am National Institute of Design in Ahmedabad – einer indischen Oase der Funktionalität. Während sie an Entwürfen von Toastern oder Kaffeemaschinen in Braun-Ästhetik arbeitete, kochten die Menschen draußen auf den Straßen ihren Tee auf offener Flamme. Diese ästhetische Kluft reizt bis heute Nipa Doshis kreative Energie. Nach einem zweiten Abschluss am Londoner Royal College of Art, wo sie auch Jonathan Levien kennen lernte, ging sie deshalb zunächst wieder nach Indien, um dort gemeinsam mit Kunsthandwerkern einheimischen Produkten einen zeitgenössischen Ausdruck zu geben. Die Idee, die unterschiedlichen Kulturen miteinander zu verbinden, entstand bereits in dieser Zeit. Dabei hat Jonathan, Jahrgang `72, ein viel funktionaleres Verständnis von Design. Nach einer Schreinerausbildung studierte er Design am Bucks College in High Wycombe (Buckinghamshire), machte seinen MA in Möbeldesign am Royal College of Art und arbeitete anschließend drei Jahre lang im Designstudio von Ross Lovegrove. Der Gegensatz, der ihn prägte, war der zwischen Handwerk und Automation. Bis heute baut er die Prototypen ihrer Entwürfe selbst.

Und so lebt die Zusammenarbeit von Doshi Levien nicht nur von der kulturellen Differenz, sondern auch von dem unterschiedlichen Designverständnis. Während Nipas Aufgabe primär die Gestaltung des äußeren Erscheinungsbildes ist und ihre fast zeremonielle Auffassung der Objekte diesen eine stofflich-erzählerische Qualität verleiht, widmet sich Jonathan mehr dem Entwicklungsprozess und dem Material. Die unter der sinnlichen Oberfläche liegenden Volumen vom Daybed Charpoy oder vom Divan My Beautiful Backside atmen genauso wie die eher schlanken neueren Entwürfe – wie der Kunststoffstuhl Impossible Wood (alle Moroso) oder der Sessel Capo (Cappellini) – das Understatement und die Präzision des britischen Industriedesigners und Handwerkers. Hier treffen also nicht nur die indische und europäische, die weibliche und männliche Welt aufeinander, sondern auch die graphische und die funktional-formale Qualität des Designs.

Die beiden Designer kombinieren aber nicht nur unterschiedliche Kulturen, sondern auch kontrastierende Werte, Materialien und Ideen. Zum Beispiel in der Sesselkollektion Paper Planes, einer Kooperation zwischen Moroso und Swarovski. Der von Doshi Levien entwickelte Stoff integriert unauffällig die erst durch Lichtreflexion sichtbaren Kristalle und bildet die Ausgangsbasis des gesamten Entwurfs, dessen Struktur betont einfach gehalten wurde: Aus einer zweidimensionalen Form wurde ein dreidimensionales Objekt gefaltet. Das Kindermöbel Rocker (Richard Lampert) wiederum vereint spielerische Funktion und klassisch-moderne Formgebung. Und an dem Daybed Charpoy mit seiner grafisch integrierten Spielfläche des altindischen Schach-Vorläufers („Chaupar“) lässt sich ein weiteres Anliegen von Doshi Levien ablesen: die Symbiose von Industrieproduktion und Kunsthandwerk, von interkulturellem Dialog und kultureller Identität. Das Möbel befleißigt sich zwar westlich-puristischer Formensprache, zitiert aber nicht nur die indische Farbtradition und zeremonielle Nutzung des dort allgegenwärtigen Möbels, sondern bekennt sich auch zu der Handwerkskunst der indischen Näherinnen. Die Nähte der Betten sind praktisch unsichtbar, was bei maschineller Produktion gar nicht möglich wäre. Und mit dem eingestickten Herstellungsdatum und dem Namen der Näherin schlagen Doshi Levien auch noch eine Brücke zwischen den Menschen, die es hergestellt haben und denen, die es nutzen.

Auch in der Installation „Das Haus – Interiors on Stage“ geht es um Identität und darum, dem Design ein Gesicht zu verleihen, die Wohnung zu einem Ausdruck der Persönlichkeit zu machen. Doshi Levien bauen eine Wohnung mitten auf der Messe imm cologne, inmitten von Pure Village – nach eigenen Plänen und Vorstellungen, mit ihren eigenen Möbeln, mit Lieblingsstücken anderer Marken und dem einen oder anderen Prototyp aus ihrem Studio. Natürlich wird auch ihr für Glass entwickeltes modulares Dampfbad Ananda eine zentrale Rolle spielen. Es dürfte spannend werden zu sehen, welche Vision das Designerpaar von zeitgemäßem Wohnen nach individuellem Zuschnitt hat. Wie viel Transparenz werden sie zulassen, wie viel Intimität werden sie schaffen, wie viel werden sie von sich verraten?

Weitere Informationen:
www.doshilevien.com

Die Realisierung des Projektes „Das Haus“ erfolgt mit freundlicher Unterstützung von The Mix, RAL, NCS Colour und Erco.